Nase an Nase: Auch Fahrradstraßen sind vor allem für Autos da

„LaSuze7“ hätte sich wohl auch einen Tag Urlaub genommen. Aber schon nach 40 Minuten stellte die Polizei die Machtverhältnisse klar. 

Der Radverkehr führt ein Schattendasein in Hannover. Wenn es die Anliegen der Radfahrer überhaupt mal in die Presse schaffen, dann meistens, wenn einer von ihnen wegen der gefährlichen Infrastruktur in einen Unfall verwickelt wird. Eine Ausnahme ist „LaSuze7“, so ihr Twittername. Die Critical-Mass-Teilnehmerin berichtet über ein typisches Erlebnis in einer der sogenannten Fahrradstraßen, das einen recht untypischen Verlauf nahm:

Wer täglich mit dem Rad zur Arbeit fährt und sonst auch wenig bis kein Auto fährt, erlebt einiges im Straßenverkehr, das Autofahrer eher nicht erleben. Das liegt vor allem an der Wahrnehmung des Verkehrs und der Umgebung: Im besten Fall ist es wunderschön, entspannend und glücklich machend, im schlimmsten Fall nervend, lebensbedrohend und wütend machend. Eins ist es aber immer: unmittelbar. Nichts schützt einen Radfahrer auf dem Rad. Wir werden nass, bekommen Sonnenbrand im Sommer, die Frisur, ach na ja, egal. Für mich überwiegen aber in Hannover bisher immer die positiven Seiten. Ich bin flexibel und schnell in der Stadtmitte, komme in weniger als 30 Minuten zum Sportplatz und zurück, Einkäufe erledige ich nebenbei. Es gibt die wundervolle Eilenriede, die eigentlich immer toll ist, egal ob im Herbst, Winter, Frühling, Sommer.

Ich will damit nur sagen, dass ich gerne Rad fahre und den öffentlichen Nahverkehr nur im Ausnahmefall nutze. Ein privates Auto habe ich schon seit mehr 14 Jahren nicht mehr. Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, weil ich es in der Stadt schlicht nicht brauche. Ab und zu muss ich mal dienstlich oder privat Auto fahren, aber das ist vielleicht ein- oder zweimal im Jahr.

Wozu diese lange Einführung? Mir ist es wichtig zu sagen, dass man ohne Auto glücklich sein kann. Ich verdiene genug Geld, um mir eines zu kaufen, ich will aber nicht. Es ist tatsächlich möglich, ohne Auto gut zu leben. Früher hat mich das Mitleid meiner Kollegen und Freunde genervt (oh je, du Ärmste bei Regen/Frost/Glatteis/Hitze musstest du mit dem Rad fahren?), mittlerweile ist es mir egal. Ich fühle mich wohl auf dem Rad und bewege mich damit am liebsten.

Im Minutentakt auf Rechte verzichten

Was mir am 16. November 2018 auf dem Weg zur Arbeit passierte, ist für mich eine alltägliche Erfahrung. Ich bin mir nicht sicher, ob Leute, die ausschließlich Auto fahren, das nachempfinden können, was es bedeutet, jeden Tag im Minutentakt auf Rechte im Straßenverkehr verzichten zu müssen. Selbstverständlich sind es nicht ausschließlich Autofahrer, die mich zum Aufgeben zwingen, aber es ist doch die Mehrheit. Natürlich gibt es auch unachtsame Fußgänger oder andere Radfahrer. Der Unterschied ist, dass das Auto der Stärkere ist. Aber gut, im Verkehr geht es nur gemeinsam, das ist selbstverständlich. Ich erlebe jeden Tag die unterschiedlichsten Situationen, wie vermutlich viele andere Verkehrsteilnehmer auch. Üblicherweise arrangiert man sich und versucht die Situation einfach zu lösen. Ich verzichte auf meine Rechte, mache dem Bus Platz, weiche den rasenden SUVs vor Grundschulen aus. Ich bin nicht lebensmüde.

An diesem Freitag jedoch war die Situation in der KleefelderStraße für mich irgendwie anders. Ich glaube, ein Twitter-User sagte sinngemäß: Wenn man tausendmal ausweicht, ist das 1001. Mal halt Schluss. Das dürfte die Situation gut beschreiben. Der mir entgegenkommende Lkw -Fahrer zeigte nicht den Hauch eines Entgegenkommens in einer sehr engen Nebenstraße des Zooviertels: kein Zögern beim Einfahren in die Straße, kein Gesprächsangebot während des Wartens. Obwohl er ganz offensichtlich im Unrecht war – die parkenden Autos waren auf seiner Seite der Straße – standen wir uns lange gegenüber. Die drei Herren im Führerhaus saßen bei laufendem Motor und rauchten eine Zigarette nach der anderen. Ich bedeutete ihnen, rückwärts zu fahren und mir Platz zu machen. Irgendwann müssen sie die Polizei gerufen haben, denn nach 40 Minuten tauchte diese mit zwei Beamten auf. Selbstverständlich habe ich mir in der Wartezeit Gedanken darüber gemacht, was ich hier tue. Was mich das an zusätzlichen Überstunden kostet, was an Nerven. Aber ich habe dort nicht nachgeben wollen und bin nicht ausgewichen, wie ich es vorher schon hunderte Male getan hatte. Letztendlich wollte ich Hilfe durch die Polizei, die Belehrung des Autofahrers, die Durchsetzung meines Rechts in der Hoffnung, dass der Lkw-Fahrer bei der nächsten Begegnung rücksichtsvoller gegenüber Radfahrern ist. Denn zusätzlich zu dem Hindernis auf seiner Seite befanden wir uns ja noch in einer Fahrradstraße, wo Radler Vorrang haben und nicht behindert werden dürfen. Genau darum bat ich auch die Beamten nach ihrem Erscheinen.

Die Polizei unterstützt den Stärkeren

Was dann folgte, hat mich sehr überrascht und maßlos verärgert. Ein Beamter belehrte mich, dass ich absteigen und mein Fahrrad auf dem Gehweg schieben solle, damit der Lkw-Fahrer vorbeifahren könne. Meine Einwände zu Hindernis, Recht und Fahrradstraße akzeptierte er nicht. Im Gegenteil, er redete sich offensichtlich in Rage und ich musste mir einiges anhören, das er besser dem Lkw-Fahrer gesagt hätte:

  • Er könne es nicht fassen, dass ich so 40 Minuten den Verkehr blockieren würde.
  • Er würde alles tun, damit ich die Kosten des Einsatzes zahlen müsse.
  • Seine dreijährige Tochter hätte die Situation besser eingeschätzt als ich.

Die Frage, die ich mir hier stelle: Wieso hat der Polizist diese Punkte nicht dem Lkw-Fahrer um die Ohren gehauen, wieso war ich schuld, warum musste ich nachgeben? Man kann das beantworten wie man will, nur hat mich die fehlende Unterstützung der Polizei wirklich erschüttert. Letztendlich bedeutet das nicht nur, dass ich kein Recht bekam, sondern ist auch ein fatales Signal an den Lkw-Fahrer, beim nächsten Mal genauso rücksichtslos sein vermeintliches Recht (des Stärkeren) durchzusetzen. Die Polizei wird ihm im Zweifelsfall schon helfen!

Der Autofahrer sagte gegenüber der Polizei sinngemäß: „Ich habe viele Radfahrer gesehen, als ich in die Straße eingebogen bin. Aber das waren so viele, da hätte ich ewig warten müssen. Also bin ich in die Straße eingefahren.“

In meiner Anwesenheit wurde der Autofahrer von den Polizisten weder verwarnt noch belehrt. Das ist nach meiner Meinung das absolut falsche Signal, denn gerade für Fahrradfahrer kann es sogar lebensgefährlich sein. Denn wenn er oder sie sich darauf verlässt, dass der Andere sich auch an die Regeln hält, dann gilt hier nur noch das Recht des Stärkeren. Mit allen fatalen Folgen in der Zukunft.

Staatlich legitimierte Rücksichtslosigkeit

Es ist nicht verwunderlich, dass wir alle eine zunehmende Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr spüren. Wenn sie aber staatlich legitimiert wird, wird sich die Gesamtsituation für schwache Teilnehmer nicht verbessern. Das gilt insbesondere für die Situation in Fahrradstraßen wie der Kleefelder Straße. Wenn Radfahrer entgegen der StVO dort nicht nur keinen Vorrang haben, sondern auch behindert werden dürfen, dann braucht man solche Straßen gar nicht erst einzurichten. Sie verfehlen ganz einfach ihren Zweck, denn sie schützen Radfahrer nicht, sie sind schlichtweg sinnlos.

Dass meine Aktion so ein gewaltiges Echo bei Twitter und später in den Printmedien und im Radio fand, hat mich doch überrascht. Schließlich berichte ich schon länger über meine Erlebnisse im Fahrradalltag, aber hier scheine ich einen Nerv getroffen zu haben. Mich haben die vielen positiven Beiträge zum Thema, die Unterstützungsangebote und klugen Kommentare sehr berührt und ich bin sehr dankbar dafür! Neu war für mich der direkte Kontakt zu Trollen und Radfahrerhassern. Die versuche ich auszublenden, denn eine konstruktive Diskussion scheint mir nur schwer möglich, auf Twitter sogar ganz unmöglich. Ich hoffe, mit diesem Blogbeitrag ein paar der Fragen um meine Motivation und den Ablauf der Ereignisse beantwortet zu haben.


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4 Kommentare zu „Nase an Nase: Auch Fahrradstraßen sind vor allem für Autos da

  1. Auch ich kann sowas nicht fassen……
    nur um im Recht zu sein fünf Mitarbeiter von der Arbeit abzuhalten, das sind 5 x 40 Minuten das sind 200 Minuten, also mehr als drei volle Arbeitsstunden, die du den Chef der Firma gekostet hast. Wir wissen doch alle, dass man klugr sein muss um nach geben zu können.
    Der Dumme dagegen verkauft sein Glück dafür einmal Recht gehabt zu haben.

    Und wenn hier zehnmal das Recht des Stärkeren regiert, muss ich sagen die Polizei hat vollkommen richtig gehandelt!
    Als Radfahrer kann man wirklich mal eben vorbei fahren als Autofahrer ist das nicht möglich. Auch wenn er sich vielleicht dein Recht genommen hat, kann man sich nun Tage, Wochen und wie man in dei er Text sieht auch sehr viele Zeilen lang darüber ärgern und aufregen und diesem hausgemachten angestauten Ärger schriftlich Luft machen ……man kann aber auch einfach klug sein , beiseite fahren drauf pfeifen und einen schönen Tag haben!
    Mit Ärger und Verärgerung hat noch nie jemand ein glückliches Leben bekommen.

    Ich finde es auch nicht in Ordnung , dass hier Autofahrer oft als Blechkisten-Besitzer beschimpft werden. Was soll das? Warum geht man so despektierlich miteinander um ?Wenn man wahrgenommen werden möchte dann empfehle ich man auch die anderen mit ihren Gründen wahrzunehmen. Und es ist nun mal wirklich für einen Radfahrer tausendmal einfacher kurz zur Seite zu fahren als für einen LKW!

  2. Ja es ist ein falsches Zeichen das da gesetzt wurde, offensichtlich wohl in Unkenntnis der Rechtslage.

    Im Grunde müßte man nun Dienstaufssichtbeschwerde gegen die Beamten die in diesem Vorgang beteiligt gewesen sind einreichen. Doch dazu würde es einen Anwalt bedürfen und eben viel Schreibkram, Nerven und wieder noch mehr Zeit.

    Aber wer will das schon ? Irgendwann ist das Maß voll – bleibt ruhig !

  3. Die Fahrradstrassen in Hannover hanen ja auch nur Alibi-Funktion. Die Stadtverwaltung kann sagen, schaut her, wie Fahrradfreundlich wir sind. Als Radfahrer bringen wir die nix. Als beispiel mal die Straße „Am grünen Hagen“ entlang des Ricklinger Friehofs. Jahrelang bin ich unbehellig und gern dort gefahren, als es noch 30er Zone war. Dann wurdr es eine Fahrradstrasse und gleich darauf zur umleitungsstrecke wg. Bauarbeiten, auf der nix mehr ging.
    Wenn im nächsten foe Strasse „In der Rehre“ neu gemacht wird, wird hier bestimmt wieder die Umleotungstrecke sein.
    Aber auch so gibt es keine Rücksicht auf die bevorrechtigten Radler, es wird zemtimeterscharf überholt. Nun gibt es dort eine Anliegerinitiative, die eine Umeidmung zur Anöiegetstrasse wünscht. Das wäre mal ein Anfang, aber nur wenn es auch kontrolliert würde.

    1. du, des nicht nur in der Landeshauptstadt ein Alibi, ich kenn eigentlich keine Stadt wo das Verkehrszeichen Fahrradstraße nicht ohne Zusatzschilder mit Freigaben für Autofahrer versehen ist und somit der Zweck obsolet ist.

      vielmehr verwirrt das die Autofahrer noch mehr, was dürfen die Radler, was müssen Autofahrer beachten. Je mehr Schilderwald, Regeln und Ausnahmen, desto komplizierter wird es für alle. Vorallem steht ja an den Schildern nicht, das Radfahrer hier nebeneinander fahren dürfen und sich der Kraftverkehr unterzuordnen hat, aber wiederum 30-Zone und rechts-vor-links gilt. Ein reines Bürokratiemonster ist diese pseudo-„Fahrradstraße“

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