„Critical Mass“ kettet Wünsche vors hannoversche Bauamt

Radfahrer fordern bessere Infrastruktur von Stadtbaudezernent Bodemann

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Ab sofort können die Mitarbeiter des Tiefbauamtes die deutlich formulierten Wünsche hannoverscher Radfahrer nicht mehr ignorieren: Ein goldenes Wunschbike am Eingang des Bauamtes prangert Missstände an und zeigt, was besser werden soll. Aufgestellt haben wir das goldverzierte und mit einem Schild versehene Fahrrad im Rahmen unserer politischen Radtour „Critical Mass“, die jeden letzten Freitag im Monat im ganzen Straßenraum unterwegs ist.

Radfahren ist eine gleichberechtigte Fortbewegungsart, wir erradeln uns die Utopie: breite gleichberechtigte Straßen, auf denen Radverkehr neben dem Autoverkehr rollt“, lautet das Motto. Es gibt keine feste Route, aber ein gemeinsames Ziel: Die Teilnehmer der Critical Mass fordern, dass das Radfahren in Hannover sicherer wird.

Was ist sicher? Bei jeder Straße kann man sich fragen: Würde ich hier Zehnjährige fahren lassen? Lautet die Antwort „nein“, ist die Verkehrsführung unzeitgemäß und autozentriert. Bei Straßenumbauten vertut Hannover eine Chance nach der anderen: Podbi, Lange Laube, E-Damm sind nur einige Negativbeispiele der letzten Jahre.

Hannover speist Radfahrer mit Fahrbahnmarkierungen und Bordsteinradwegen ab, provoziert also Konflikte mit dem Auto- und Fußgängerverkehr. Baulich getrennte Radwege – das Erfolgskonzept in den Niederlanden – plant das Bauamt nicht. An Kreuzungen werden Autofahrer vorm Abbiegen über Radwege nicht gebremst. Verengungen, steile Abbiegewinkel oder Aufpflasterungen wären gute Lösungen. Blickachsen, die den Schulterblick überflüssig machen, sind in den Niederlanden die Regel. Hannover setzt jedoch auf den Schulterblick und gefährdet mit diesem gefährlichen Straßenbau Radfahrer. Im Vergleich hohe und weiter steigende Unfallzahlen sind die Folge.

Bike mit Schild und Brief an Baudezernet Bodemann

Mit diesen Kritikpunkten haben Critical-Mass-Teilnehmer Stadtbaurat Bodemann auf den am Wunschbike befestigten Schildern konfrontiert:

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Ihre Verkehrsplanung degradiert uns Radfahrer zu Verkehrsteilnehmern zweiter Klasse. Unser Wunschbike soll Ihnen diese Wünsche ab heute täglich zeigen:

Bis 2018 umsetzen

Laut Ratsbeschluss 2008 sollte Hannovers Radverkehrsanteil binnen zehn Jahren 25 Prozent betragen. Nun sollen wir bis 2025 warten? Wir wünschen uns eine ambitionierte, familientaugliche Netzplanung und deren Umsetzung bis 2018. Hannover wächst bis 2030 um bis zu fünf Prozent – und damit auch der Verkehr. Die Zeit und die Unfallzahlen drängen!

Sicher gestalten

Hannovers Unfallzahlen sollten laut Ratsbeschluss 2008 binnen zehn Jahren halbiert sein. Stattdessen steigen die Zahlen: 2014 gab es 2275 Radunfälle, über 1500 leicht-, über 200 schwerverletzte und 9 tote Radfahrer. Hauptrisikogruppe sind Senioren.

Zum Vergleich: In Berlin wurden 2014 zwölf Radfahrer getötet. Und in Kopenhagen, der Welthauptstadt des Radverkehrs? Ein einziger! Bauen Sie eine familiensichere Radinfrastruktur!

Schulweg- und familientauglich planen

Das Tiefbauamt plant ausdrücklich keine kindersicheren Radwege. Dabei müssen Zehnjährige auf der Fahrbahn radeln! Königstraße, Podbielskistraße, Lange Laube oder Engelbosteler Damm sind nicht kindersicher und damit nicht massen- und familientauglich.

Bauen Sie ein Radwegenetz, das für Zehnjährige durchgängig sicher befahrbar ist! Sonst kann Hannovers Radverkehr nicht massentauglich sein und Radfahren bleibt Erwachsenen ohne Kindern vorbehalten.

City-Einkauf ermöglichen

Will man als Familie zum Wochenend-Shopping in die Stadt, ist das als Radausflug mit Kindern unmöglich. Es gibt keine sichere Strecke vom Steintor zum Bahnhof; auf Königstraße, Lavesstraße, Goethestraße radelt man zwischen Autotüren und ungeduldigen Autofahrern. Schaffen Sie familiensichere, baulich getrennte Radwege innerhalb Hannovers Cityrings sowie einen baulich getrennten City-Radring! Wer in nur zehn Minuten mit dem Rad in der City ist, gibt dort gern und öfter Geld aus. Radfahrer und Fußgänger sind sicherer, wenn sie sich Wege nicht teilen müssen.

Unfallverursacher eindämmen, Abbieger bremsen:

Nur 2,8 Prozent der Unfälle werden von Radfahrern verursacht! (33.528 Verkehrsunfälle gesamt, davon 933 Radfahrerfehler, Quelle: Verkehrssicherheitsbericht 2014 der Polizeidirektion Hannover)

Kreuzungen, an denen Autofahrer schnell über Radwege fahren können, sind gefährlich (die zwei jüngsten Unfälle zeigen es); Verengungen und Aufpflasterungen sorgen für eingebaute Sicherheit und den Schulterblick. Schützen Sie Radfahrer baulich vor unachtsamen Autofahrern. Setzen Sie Poller, nehmen Sie parkende Autos aus dem Sichtbereich von Kreuzungen, machen Sie abbiegende Kraftfahrzeuge für Radfahrer sicher, auch im Interesse der Autofahrer!

Stellplätze am Bahnhof schaffen

Ein Radparkhaus am Aegi (Osterstraße) ist Steuergeldverschwendung, am Bahnhof fehlen Stellplätze! Selbst Osnabrück verfügt über 1200 Fahrradparkplätze am Bahnhof. Bauen sie vorhandene Kfz-Parkhäuser am Bahnhof um!

Budgets umschichten: Hannovers Budget für Radverkehr beträgt nach Angaben der Stadt vier bis sechs Euro je Einwohner (2015). Nur 50 Cent davon stammen aus einem strategischen Budget, das für das Radwegenetz geplant ist (2,5 Mio. in zehn Jahren)! Die Bundesregierung empfiehlt Kommunen, 20 Euro je Einwohner zu investieren. Das Budget sollte anteilig dem Verkehrsanteil entsprechen, nach letzter offizieller Zählung 16 Prozent. Wir wünschen uns ernsthafte Anstrengungen, ein familientaugliches Radwegenetz herzustellen!

„Fahrradstraßen“ zu Fahrradstraßen machen

Keine Beschilderung bringt eine Fahrradstraße, solange Autoverkehr weder beschränkt noch gebremst wird. Schilder aufzustellen ist unabitionierte Augenwischerei. Machen sie Fahrradstraßen zu verkehrsberuhigten Anliegerstraßen, bremsen Sie Kfz mit Schikanen und Sackgassen!

Erfolgskonzepte der Niederlande übernehmen

Grundsätzlich sollte die Stadt erfolgserprobte Konzepte adaptieren. Hannover ist nicht so einzigartig, dass die Stadtverwaltung Sonderlösungen wie City-Radring, Lange Laube und E-Damm entwickeln muss. Sonderlösungen sind unerprobt, teuer, dauern länger, sind für Radfahrer gefährlich und nicht die bestmögliche Lösung. Best Practices stehen in ERA (Empfehlung für Radverkehrsanlagen) und im CROW-Manual der Niederlande. Lesen Sie die doch einmal!

Radverkehr gleichberechtigen

Bettelampeln gehören abgeschafft. Bauen Sie Induktionsschleifen, ermöglichen Sie Querungen in einem Zug oder gleichzeitige Grün-Schaltungen für Fußgänger und Radfahrer an Kreuzungsampeln. Autofahrer sitzen bequem in ihren Autos, warum sollen Radfahrer länger im Regen stehen?

Fakten nicht ignorieren

Nur 40 Prozent der Haushalte in Hannover haben überhaupt ein Auto. Radverkehr gehört umfassend gezählt, damit Hannover ihm den angemessenen Straßenraum zukommen lassen kann. Zählstellen an allen Hauptradwegen sind überfällig!

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Über die Critical Mass

Die Critical Mass stellt einmal monatlich die Utopie her: Breite gleichberechtigte Straßen, auf denen Radverkehr neben dem Autoverkehr rollt. Basis ist Paragraf27 der Straßenverkehrsordnung (StVO). Radeln mehr als 15 Fahrradfahrer gemeinsam, dürfen sie im Pulk und zu zweit nebeneinander auf der Fahrbahn fahren, selbst wenn daneben ein benutzungspflichtiger Radweg verläuft. Eine Sonderregel behandelt eine Gruppe ab 16 Radfahrern zudem wie ein langes Fahrzeug. Fährt die Gruppe gemeinsam bei Grün über eine Ampel, darf auch der Gruppenletzte noch mit über die Ampel fahren – selbst wenn diese längst Rot zeigt. Die Critical Mass findet weltweit statt, meist am letzten Freitag jedes Monats. In Hamburg nahmen zuletzt über 6.000 Radler teil, Hannover rechnet mit 60 bis 100 Teilnehmern. Hannovers Critical Mass prangert vor allem die hohen Unfallzahlen in Hannover an und fordert von der Stadt, auf eine sichere Infrastruktur umzurüsten, nach erfolgserprobtem niederländischen oder dänischen Vorbild.

Daten & Fakten/Vorteile für Hannover: Jeder Kilometer baulich getrennter Radweg ist gut für Hannovers Autofahrer: Jede per Rad zurückgelegte Strecke bedeutet ein Auto weniger im Stau. Radwege auszubauen, ermöglicht Ersparnisse bei Üstra und Straßeninstandhaltung. Denn viele Autofahrten sind vermeidbar: In Hannover enden 65 Prozent nach weniger als 10 km.

Jeder radelnde Hannoveraner ist fitter und seltener krank. Er spart durch verbesserte Gesundheit dem Klinikum Hannover bares Geld. Radverkehr schafft Mobilität für Familien, sozial Schwache und Flüchtlinge. Radwege schaffen Klimaziele effizienter und nachhaltiger als Umweltplaketten.

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